Offener Brief an den RBB

Sehr geehrte Damen und Herren von RBB-Online,
mit einiger Verwunderung lese ich Ihren Artikel „Saudischer Hassprediger predigte 2009 in Neukölln“ vom 15. Dezember 2017 auf Ihrer Internetseite. Dieser Artikel macht auf mich nicht den Eindruck, Beitrag einer sachlichen Berichterstattung, sondern scheint mir Teil einer Kampagne gegen die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) und ihre Öffnung zur Gesellschaft hin zu sein.
Sie berichten in Ihrem Beitrag sehr ausführlich über den Besuch eines salafistischen Predigers in der Dar Al-Salam -Moschee vor acht Jahren. Dieser sei in Begleitung eines Kameramanns gewesen, der später ein Ministeramt im sogenannten Kalifat des Islamischen Staates innegehabt habe. Sie kritisieren, dass die NBS den Besuch des Predigers und seines islamistischen Kameramannes bis heute verschwiegen habe und nehmen das als Ausweis, dass die NBS bis heute salafistisch und emotional in der Nähe des Islamismus anzusiedeln sei.
Interessant ist der Zeitpunkt Ihrer Veröffentlichung: Sie fällt in die zeitliche Nähe zur anwaltlichen Antwort der NBS auf eine nichtöffentliche Anfrage des Verfassungsschutzes. Diese Anfrage wurde im Zusammenhang eines Rechtsstreits zwischen NBS und Landesverfassungsschutz gestellt. Dabei geht es um die Frage, ob die NBS zu Recht im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird. Der in Ihrem Artikel zum Skandal stilisierte Vorgang vor acht Jahren mit einem Hassprediger und seiner kameratragenden Hilfskraft, der bei seinem Besuch in Neukölln keine vortragende Rolle innehatte, passt da gut in das konstruierte Bild einer salafistischen Moschee.
Noch interessanter ist, was in Ihrem Artikel nicht erwähnt wird und welche Schlussfolgerungen darum nicht gezogen werden:
Warum erwähnen Sie mit keinem Wort, dass die NBS und ihr Imam Taha Sabri am 12. Dezember (übrigens zum wiederholten Male) eine eindeutige Stellungnahme gegen Antisemitismus abgegeben und gleichzeitig die Verbrennung von israelischen Fahnen verurteilt hat? Ist das nicht Ausweis einer vorbildlichen Haltung, wie wir sie uns von Muslimen eigentlich wünschen? Warum wird dies nicht in dem Artikel erwähnt, obwohl dem RBB diese Stellungnahme vorgelegen hat?
Warum erwähnen Sie nicht, dass in den letzten Jahren wiederholt islamkritische Akteure in der NBS gesprochen haben? Zum Beispiel Herr Mansour oder Dr. Ourghi? Dass immer wieder Rabbiner zu Gast waren, schwul-lesbische Gruppen, Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher interreligiöser Initiativen aus den großen christlichen Kirchen? Dass renommierte Islamwissenschaftlerinnen wie Angelica Neuwirth in der Moschee gesprochen haben? Dass sich die Moschee an einer Stolperstein-Verlegung in ihrer Straße beteiligt hat? Dass die NBS – übrigens in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung – vor allem vor Wahlen immer wieder Seminare und Vortragsabende zur demokratischen Bildung organisiert? Dass die NBS eine der ersten islamischen Gemeinden war, die nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz vor einem Jahr ihrer Trauer um die Opfer und ihrer Abscheu gegen diese Gewalttat mit ihrer Präsenz am Tatort Ausdruck verliehen hat?
All diese unerwähnt gebliebenen Tatsachen fließen in die Bewertung im Artikel von Sascha Adamek über Taha Sabri und den Vorstand der NBS in keiner Weise ein. Warum nicht? Warum wird die versöhnende und integrierende Arbeit der NBS nicht gewürdigt? Warum wird den Menschen und einem Moscheeverein, der sich wie kein anderer in dieser Stadt um Begegnung und Integration kümmert, immer wieder mit Vorurteilen begegnet? Warum besteht nun schon der dritte Beitrag in Folge Ihres Redakteurs Sascha Adamek aus einer Aneinanderknüpfung von skandalisierten Vorwürfen, zu denen teilweise noch nicht einmal der Moschee Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben wurde?
Zu fragen ist auch, warum in diesem Zusammenhang immer die gleichen selbsternannten Islamexperten zu Wort kommen, wie eine SPD-Provinzpolitikerin aus Hessen, ein ehemaliges SPD-Mitglied aus Berlin und ein arabischer Israeli? Frau Herrmann-Marschall hat übrigens mir gegenüber in einem Chat geäußert, dass sie es nicht nötig habe, mit Taha Sabri oder einem Vertreter der NBS persönlich zu sprechen, da die ihr vorliegenden Fakten aus zweiter Hand genügten, um sich ein Urteil zu bilden. Warum spricht der RBB nicht mit Islamexperten, die die Verhältnisse in Neukölln gut kennen? Oder mit Menschen aus den interreligiösen Initiativen, die immer wieder Kontakt mit der Moschee und ihren Mitgliedern haben? Sind diese Menschen weniger glaubwürdig als die Hessin Herrmann-Marschall, die eine interessant Auffassung von vorurteilsfreier Meinungsbildung hat?
Leider lässt Ihr Artikel viele journalistische Standards vermissen. So den Grundsatz „Audiatur altera pars“: Wenn Sie einen Besuch von Taha Sabri bei der Palästinensischen Gemeinde erwähnen, sollten Sie ihm doch auch Gelegenheit geben, zu erläutern, warum er dort war und mit welcher Absicht. Wo bleibt Ihre journalistische Neutralität in dieser einseitigen Berichterstattung? Sind Sie sich der Folgen derartiger Berichte bewusst? Wie werden Moscheegemeinden reagieren, die ähnliche Arbeit leisten wollen und sich der Gefahr ausgesetzt fühlen, irgendwann am Pranger zu stehen, nur weil dieser oder jener vielleicht mal in ihrer Moschee ein Selfie gemacht hat? Wie werden Menschen reagieren, die eh schon Vorurteile gegen Migranten und den Islam hegen? Haben Sie keine Sorge, Pogromstimmung zu erzeugen, wenn Sie derartig einseitig berichten?
Wir interreligiöse Initiativen in Berlin bemühen uns immer wieder um Frieden und vorurteilsfreie Begegnung zwischen den Religionen und Kulturen in unserer pluralen Stadt. Wir ermutigen Menschen, sich für eine offene Gesellschaft zu engagieren. Gemeinsam mit all den anderen Aktiven in diesem Bereich erwarte ich von den Medien – und insbesondere von den öffentlich-rechtlichen Medien – eine faire Berichterstattung, die alle Aspekte beleuchtet.
Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen für die Festtage!
Dr. Thomas M. Schimmel
Koordination Lange Nacht der Religionen in Berlin